23/03/2015 8:31pm

Unsere Zeit AM KANAL 57

Jede Menge Schwung, ehrenamtliches Engagement und künstlerisches Schaffen prägten die Zwischennutzung „Austausch AM KANAL 57“ vom 15. Dezember 2014 bis 28. Februar 2015...

Schmetterlings- und Fahrradwerkstatt am Kanal 57 / Foto: Kristina Tschesch

Neu- und Altpotsdamer hatten in dieser Zeit die Möglichkeit, sich Am Kanal 57 zu begegnen. Das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West und die Kulturlobby Potsdam luden asylsuchende Menschen ebenso wie Potsdamer aller Altersgruppen ein, diesen Begegnungsort zu nutzen, sich auszutauschen und miteinander kreativ zu sein. Die „ProPotsdam“ hatte die zuvor leerstehenden Räume der ehemaligen Videothek kurzfristig für diese Art der Zwischennutzung zur Verfügung gestellt. Offizieller Zwischenmieter war der Verein „Soziale Stadt Potsdam“.

Steffi Ribbes Kreativwerkstatt / Foto: Kristina Tschesch

Geplant war eine knapp dreimonatige Zwischennutzung als Nachbarschafts- und Begegnungshaus, doch es wurde viel mehr als das: Im von Farben durchfluteten Schaufenster und seinen Hinterräumen (zusammen ca. 1.000 m²) entstanden temporäre Ateliers, ein kleines Tonstudio, eine Fahrradwerkstatt, ein Sachspendenraum. Der Kanal 57 wurde zum Anlaufpunkt für Fragen rund ums Ehrenamt (mit Flüchtlingen) und war – dank der Hilfe vieler EhrenamtlerInnen – wochentags immer von 12-18 Uhr geöffnet. Zudem entstand ein neuer Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Neben Gemälden, Collagen, Installationen, Songs, Stadtführungen, selbst gesponnener Wolle, Freizeitangeboten wie Parkour, Tanz, Capoeira und Yoga, Konzertabenden und Gesprächsrunden sind zahllose neue Bekanntschaften entstanden, sich nun – auch ohne diesen wertvollen Raum – weiterentwickeln.

Konzert von "Hand in Hand" / Foto: Kristina Tschesch

Die für den "Austausch AM KANAL 57" verantwortlichen Initiativen

Im Jahr 2014 gründete sich aus der „Initiative Alte Brauerei“ die Kulturlobby Potsdam, welche sich für die Belange und die Vernetzung der unabhängigen Kunst-, Kultur- und Kreativschaffenden in der Stadt einsetzt. Offene Räume für Austausch und Begegnung sind dabei – wie der öffentliche Raum – von fundamentaler Bedeutung: Es geht nicht nur darum, Problemlagen aufzuzeigen, sondern vor allem den Kreativen eine Plattform zu bieten und einen Austausch untereinander zu ermöglichen.

Das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein attraktives, abwechslungsreiches, kreatives, bürger- und nachbarschaftliches Miteinander im Stadtteil Potsdam-West zu befördern. Dies geschieht zum Beispiel durch Anlässe der Begegnung für alle Generationen – wie dem Kiezfest „Plattenspieler“ oder dem „Lebendigen Adventskalender“. Zusammen mit dem Aktionsbündnis „Potsdam bekennt Farbe“ wurde im September 2011 das Toleranzfest auf der Wiese am Schillerplatz gefeiert.

Die Kulturlobby Potsdam und das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West ergänzen und bereichern sich – facettenreich, kraftvoll und bunt wurde das Programm Am Kanal 57 gestaltet. Von einem offenen Breakdance-Training über diverse Konzerte bis hin zu Mal- und Kreativkursen für Kinder fanden etliche Veranstaltungen statt, die das gemeinsame Ziel beider Initiativen vereinten: die Begegnung zwischen PotsdamerInnen aller Art und die aktive Teilnahme am öffentlichen Leben zu fördern.

Refugee-Theatergruppe "Wir sind hier" aus Kreuzberg / Foto: Kristina Tschesch

Der Kanal füllt sich mit Leben

Die größte Herausforderung lag in der Ehrenamtlichkeit des Projekts, denn tägliche Öffnungszeiten, zahlreiche Mitmachangebote und kompetente AnsprechpartnerInnen und MacherInnen sind nur mit viel Eigeninitiative derart erfolgreich umgesetzt worden. Auch am Wochenende fanden Veranstaltungen statt.  Am Kanal 57 verschmolzen Kunst, Kultur, Politik und zivilgesellschaftliches Engagement zu einem Kosmos, der alle Beteiligten nachhaltig beeinflusst und beflügelt. Viele Projekte gehen auch ohne diesen speziellen physischen Raum weiter. Beispielsweise die Fahrradwerkstatt, welche zukünftig in Potsdam-West ein neues Domizil beziehen wird.

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Reparierte Räder warten auf neue BesitzerInnen / Foto: Kristina Tschesch

Durch den Sachspendenraum frequentierten auch geflüchtete Menschen aus verschiedenen Unterkünften oder bereits in Wohnungen lebende asylsuchende Menschen das Gebäude. Über die Hälfte der gespendeten Kleidung, der Teppiche und des Kinderspielzeugs fanden so neue Besitzer. Mit dem Auszug wurden die übrigen Sachspenden an die vom Verein „Soziale Stadt“ betriebene Unterkunft im Staudenhof übergeben. Die Fahrradwerkstatt erhielt im Laufe der Zwischennutzung circa 60 Fahrradspenden, die von ehrenamtlich arbeitenden Zweiradmechanikern in Projektarbeit mit SchülerInnen der Montessori-Schule in Potsdam repariert wurden. Mehr als 40 Räder konnten bereits Am Kanal 57 an geflüchtete Menschen und den "Internationalen Bund" als Träger von Flüchtlingsunterkünften vermittelt werden.

Am Runden Tisch Am Kanal 57 fanden regelmäßig VertreterInnen der Träger der Flüchtlingsunterkünfte zusammen, um sich auszutauschen und über die Aufgaben einer zukünftigen festen Stelle zu sprechen, die weiterhin für die Koordination der EhrenamtlerInnen verantwortlich sein soll. Aus dieser Idee entstand das vorerst dreimonatige Projekt „Koordinierungsstelle Neue Nachbarschaften Potsdam“ - auf dessen Blog Sie gerade diesen Text lesen und - welches durch die Landeshauptstadt Potsdam („Servicestelle Tolerantes und Sicheres Potsdam“) finanziert und vom Verein „mitMachen e.V.“ getragen wird.

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Herzlich willkommen! / Foto: Kristina Tschesch

Der große Empfangstisch Am Kanal 57 entwickelte sich zu einem Anlaufpunkt für interessierte PotsdamerInnen, die sich dem Thema Flüchtlinge und Asyl nähern wollten. Das große Schaufenster zog auch jede Menge Laufpublikum an. Über 100 Menschen informierten sich in den zweieinhalb Monaten zur Lage der geflüchteten Menschen in Potsdam. Vor Ort wurde diverses Infomaterial vom Flüchtlingsrat Brandenburg und Pro Asyl angeboten, damit sich die Menschen über das Gespräch hinaus informieren können.

Fast alle dieser Besucher füllten die vom Stadtteilnetzwerk erstellte „Ehrenamtskarte“ aus und boten so ihre Hilfe in Form von unterstützenden Sprachkursen, Behördengängen und vielem mehr an. Beim „Hafenfrühstück“ im Januar 2015 kamen etwa 50 an ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit Interessierte zusammen und bildeten langfristig angelegte Arbeitsgruppen.

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EhrenamtlerInnen beim "Hafenfrühstück" / Foto: Kristina Tschesch

Die Konzerte wie das Eröffnungskonzert des Duos „Hand in Hand“ und weitere Veranstaltungen, wie der Theaterabend einer jungen Gruppe von Flüchtlingen aus dem Berliner Raum oder die Vorstellung der Magisterarbeit "Von der Kritischen Rekonstruktion zur Mitteschön“ stießen auf großes Interesse und wurden jeweils von 60 bis 100 Menschen besucht.

Die Vernissage und gleichzeitige Finissage „Kanalflutung“ zeigte am letzten Nutzungswochenende, was musikalisch und künstlerisch in zweieinhalb Monaten in diesem besonderen Raum entstand. Hervorzuheben ist die Lesung der Fotografin Kathrin Ollroge zu ihrem "Raum für Gedanken", welcher vorübergehend auch am Kanal Station machte.

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Kathrin Ollroges "Raum für Gedanken" / Foto: Kristina Tschesch

Alle Veranstaltungen und Angebote fanden kostenlos statt, ermöglicht durch die kreativen EhrenamtlerInnen, die hier ihr Können einbrachten und weitergaben. Wurde Geld gespendet, so kam dies der Fahrradwerkstatt zugute, für die etliche Ersatzteile angeschafft werden mussten. So vermischte sich Am Kanal 57 das Beteiligungsfeld der Kulturlobby Potsdam mit dem Engagement für und mit Flüchtlingen zu einem funktionierendem, gemeinschaftlichen Begegnungsprojekt.

Synergien, Aktions- und Künstlergruppen (er)schufen sich, Begegnungen, Bekanntschaften und Projekte von sich vorher fremden Menschen entstanden und werden auch zukünftig weiter geführt – selbständig, unabhängig und rege.

Danke an alle, die den Austausch AM KANAL 57 mit Leben gefüllt haben!

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Einblicke / Foto: Kristina Tschesch

Eine weitere Version dieses Textes gibt es auf dem Blog der Kulturlobby Potsdam.

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Ein Projekt des mitMachen e.V.
Gefördert durch die Landeshauptstadt Potsdam